Musik des frühen Christentums


Musik des frühen Christentums
Musik des frühen Christentums
 
»Mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern (Psalmis, Hymnis et Canticis spiritualibus) singet Gott dankbar in euren Herzen.« Diese Ermahnung des Apostels Paulus im Brief an die Kolosser (3, 16) und fast gleich lautend im Brief an die Epheser (5, 19) zählt drei Formen frühchristlicher Gesänge auf, die nach und nach bis zum 4. Jahrhundert in ihrer gottesdienstlichen Funktion und musikalischen Gestalt deutlicher erkennbar werden. In der Anfangszeit war die Musikausübung in den jungen Gemeinden naturgemäß sehr verschiedenartig und frei, wie auch die übrigen Elemente der sakralen Handlungen - Lesungen, Predigt, Gebete, Abendmahlsfeier - erst allmählich zu einer festen liturgischen Folge zusammenwuchsen. Hierbei übernahmen die frühen. Christen religiöse Bräuche der jüdischen Glaubenswelt, der sie selbst entstammten. Und wahrscheinlich haben sie - obwohl das im Einzelnen umstritten ist - mit den textlichen Traditionen auch musikalische Praktiken der Gesänge in den Synagogen weitergeführt.
 
Die Psalmen des Alten Testaments waren aufgrund ihrer intensiven Gebetssprache der Glaubenshaltung der jungen. Christen besonders nahe. Für die seit dem Ende des 3. Jahrhunderts zunächst in Ägypten aufkommenden Mönchsgemeinschaften bildeten sie die wichtigste biblische Textvorlage für die selbst auferlegte Verpflichtung, unablässig zu beten. Und in dem Maße, in dem sich klösterliches Leben zum beherrschenden christlichen Ideal entfaltete, breitete sich der Psalmengesang aus und wurde im 4. Jahrhundert zum tragenden Bestandteil des Offiziums, der über den Tag verteilten Stundengebete. Dasselbe gilt für die öffentlichen Gebetsgottesdienste in den Kathedralen vor allem am Morgen und am Abend und für die an vielen Orten abgehaltenen volkstümlichen Psalmvigilien, die von frommen Laien getragenen nächtlichen Andachten. In der Messe erhielt der Psalmvortrag an bestimmten Stellen seinen festen Platz, so vor allem als Gradualpsalm nach der Schriftlesung und als begleitender Gesang während der Kommunion. Der Kommunionspsalm ist wahrscheinlich der erste, der in der Messe Aufnahme fand, wobei in der Regel Psalm 34, Vers 9 gesungen wurde, wie er zum Beispiel an entsprechender Stelle im protestantischen Gottesdienst noch heute gebräuchlich ist: »Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist.«
 
Später kamen weitere Psalmen hinzu, darunter der den Einzug des Klerus begleitende Introitus und das Offertorium, der Gesang während der Darbringung der Opfergaben. Musikalisch lassen sich bereits früh zwei Vortragstechniken belegen, die als charakteristische Merkmale des Psalmgesangs erhalten blieben: der responsoriale Vortrag als Wechselgesang eines Solisten mit den refrainartigen Antworten der Gemeinde und der antiphonale Vortrag zweier sich abwechselnder Chöre. Durch das ganze Mittelalter hindurch bildete der Psalmgesang eine der zentralen Gebetsäußerungen des christlichen Glaubens. Durch seine biblischen Inhalte ebenso wie durch seine sprachliche und musikalische Form wurde er zu einer wesentlichen Grundlage für die einstimmige vokale Musik der christlichen Kirche, den Gregorianischen Gesang.
 
Neben den Psalm und anfangs von ihm noch nicht deutlich geschieden tritt eine weitere Gattung frühchristlicher Gesänge: der Hymnus. Der Begriff war in der Antike weit verbreitet und bezeichnet in der griechischen Dichtung ein Fest- oder Preislied zu Ehren eines Gottes oder eines Helden. Bei den Griechen ein instrumental begleiteter Solo- oder Chorgesang, wandelte sich der lateinische Hymnus der christlichen Kirche - ähnlich dem griechisch-byzantinischen - zum bloß gesungenen Gotteslob. In der Frühzeit waren es schlichte Gemeindegesänge. Doch bereits im 5. Jahrhundert lag ein umfänglicheres Hymnenrepertoire in Form metrisch durchgestalteter, strophischer Um- oder Neudichtungen vor, das in seinem Kernbestand auf Ambrosius, der 374 Bischof von Mailand wurde, zurückgeführt wird. Bekannte Stücke dieses frühen Repertoires sind das »Gloria in Excelsis Deo« (»Ehre sei Gott in der Höhe«) oder das »Te Deum laudamus« (»Dich, Gott, loben wir«). Entscheidend für die rasche Verbreitung des Hymnus wurde seine Aufnahme in die Stundengebete der Mönchsgemeinschaften durch Benedikt von Nursia um 530. Doch wurden auch in späteren Jahrhunderten Hymnendichtung und Hymnenkomposition ununterbrochen weitergeführt.
 
Eine dritte Gesangsgattung aus frühchristlicher Zeit ist das Canticum. Cantica sind den Psalmen verwandte Lobgesänge, denen schon im 6. Jahrhundert neben dem Psalmvortrag eine bedeutsame Rolle in den Stundengebeten zugewiesen wurde. Ihre Texte stammen ebenfalls aus der Bibel, aber nicht aus dem Psalter. Es sind Abschnitte des Neuen oder des Alten Tesaments, die sich durch eine gehobene, poetische Sprache vom übrigen Textumfeld abheben und möglicherweise als liturgische Gesänge in die Erzählprosa eingefügt wurden. Drei neutestamentliche, aus dem Lukasevangelium stammende Cantica haben sich bis heute im gottesdienstlichen Gebrauch erhalten: der später als »Magnificat« bezeichnete Lobgesang der Maria »Meine Seele erhebt den Herrn« (1, 46-55), das »Benedictus« des Zacharias »Geprießen sei der Herr, der Gott Israels!« (1, 68-79) und das Canticum des Simeon »Nunc dimittis« »Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren« (2, 29-32). Unter den Cantica des alten Testaments besonders zu erwähnen ist der Lobgesang desMose »Ich will dem Herrn singen, denn er hat eine herrliche Tat getan« (2. Mose 15, 1-19), der als Teil der Vigil in der Osternacht bereits im 4. Jahrhundert belegt ist.
 
Prof. Dr. Peter Schnaus
 
 
Europäische Musik in Schlaglichtern, herausgegeben von Peter Schnaus. Mannheim u. a. 1990.
 Hirtler, Eva: Die Musik als scientia mathematica von der Spätantike bis zum Barock. Frankfurt am Main u. a. 1995.

Universal-Lexikon. 2012.

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